Handarbeit

Unterrichtsstunden der Güte

10-11-2015


Im Klassenzimmer ist man still, die Erstklässler arbeiten eifrig. An ihren Gesichtern ist etwas Anspannung abzulesen. Keine leichte Sache – die „Schafe“ muss man von einem Berg auf den anderen hinüberbringen. Da unten ist ein Riss zu sehen. Auf jedes Schaf muss man aufpassen, die Schafe geben uns Wolle, aus der Wolle kann man vieles stricken...

... Irakli ist wegen seines Tischnachbarn ein wenig aufgeregt. Die Augen des Jungen füllen sich mit Tränen. Wütenden wirft er seinem schelmischen Freund ins Gesicht: "Was habe ich mit dir zu sprechen, du hast ja bis jetzt nicht mal eine einzige Stricktasche fertig gekriegt!“

In die Tasche legen dann unsere kleinen „Hirten“ die von ihnen unzertrennlichen Flöten und werden sie immer bei sich tragen. Somit ist dieser alte, traditionelle Archetyp – der Hirte mit Flöte – ein Lebensbild der Waldorfschule.

Bald können die Kinder so geschickt mit den Stricknadeln umgehen, dass sie ohne große Mühe verschiedene Tierchen - dicke Schäfchen, bunte Hähne und noch vieles andere stricken können. Für mehr Wachsamkeit sollen sie jetzt auch Häkchen in die Hand nehmen und bunte Tücher und Netze häkeln. Ein Netz werden sie bald brauchen um den Rubikon tapfer zu überqueren. Dann aber kommt das Kreuzsticken. Hier überquert das Rechte ganz harmonisch das Linke. Das hilft den Schülern bestimmt, ihre eigene Standhaftigkeit zu finden.

Friedlich haben wir das andere Ufer erreicht, vom Wasser aufgetaucht und als Zeichen der Selbstständigkeit selbst gestrickte Mützen aufgesetzt.

Liebe Eltern, haben Sie schon einmal richtige, nahtlose Handschuhe mit fünf Fingern gestrickt? Nein? Dann können Sie bei ihren Kindern nachfragen. Bestimmt bekommen Sie einen besseren Sinn für Form und im Rechnen wird dabei auch ein bisschen geübt.

Bald werden unsere „Hirten“ ihre ersten Schritte selbstständig machen. Dafür brauchen sie aber zuverlässige, gut sitzende Schuhe. Es ist nicht leicht, gute Schuhe zu nähen. Zuerst muss man eine Vorlage machen. Damit der Fuß gut und fest sitzt, muss man auf Genauigkeit achten. Nach den Schuhen kommt das ganze Menschenbild. Es werden Marionetten und komplizierte Puppen gemacht. Im Handwerkunterricht werden die Puppen erst mit Hilfe von Gesetzen der Mechanik gemacht. Hier kommt den Schülern in diesem Jahr der in der Physikepoche gelernte Stoff zur Hilfe. Dann können die Schüler im Handarbeitsunterricht ihrer Phantasie freien Lauf lassen und die Puppen so bekleiden, wie sie es gerne möchten. Die Arbeit in der 7. Klasse endet mit einem großen Fest – dem Puppentheater. Die ganze Schule versammelt sich im Saal. Stolz zeigen die Schüler ihr gemeinsames Werk, wo auch der Beitrag jedes Einzelnen deutlich zu sehen ist. Diese außergewöhnliche Aktivität ist auch ein gewisser „Test der Sozialkompetenz“. Selbst die rastlosen Schüler warten geduldig hinter den Kulissen. Es ist ihnen gut gelungen! Die harte Arbeit hat sich gelohnt!“

Höchste Zeit, den letzten Schritt zu machen! Jetzt müssen die Schüler nicht die Puppe, sondern sich selbst bekleiden. Es wird gezeichnet, eine Vorlage gemacht, geschnitten und dann mit einer Fuß-Nähmaschine genäht. Dann werden sie auch selbstbewusst... selbstverständlich, denn sie haben doch selbst gefertigte Sachen an.

P.S. Inzwischen ist unser Irakli erwachsen. Er träumt davon, Chirurg zu werden. Sein naiver Wunsch, den verlaufenen Schafen zu helfen, wurde in den Wunsch, den Menschen zu helfen, umgewandelt. Die Handfertigkeit, die er im Handarbeit erlangt hat, wird ihm – unter anderem – in seinem Beruf wirklich nützlich sein.



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